Interview

Mein Weg zum Waqif-e Zindagi

Valeed Sethi Sahib

Eigentlich wollte ich Karriere machen. Groß rauskommen. Überall bekannt und in aller Munde. Ich wollte ein großartiger Arzt und ein großartiger Wissenschaftler werden, gar den Nobelpreis in Medizin gewinnen. Dieses Ziel vor Augen machte ich ein verhältnismäßig gutes Abitur, wurde gar auf der Jalsa Salana Deutschland 2005 für das „beste“ Abitur aus-gezeichnet. Dieses Ziel vor Augen begann ich mit einer grundlagenwissenschaftlichen Dr.-Arbeit. Dieses Ziel vor Augen suchte ich bewusst eine Stelle als Arzt an einer Universitätsklinik und wurde in der Medizinischen Hochschule Hannover fündig. Und natürlich sollte auch in der Universitätsklinik eine große Karriere als Forscher und als Kinderchirurg folgen.

Doch bereits während des Studiums gab mir Allah Einblicke in eine andere Welt. Er zeigte mir multiple Zeichen seiner Existenz, bevor Er mich 2009 mit Herrn Mohammad Athar Zubair, Chairman Humanity First Deutschland, zusammenbrachte. Dieser Mann erschien mir auf einem gänzlich anderen Weg zu sein. Er wollte nicht groß rauskommen, wollte keinen Ruhm und keine weltliche Anerkennung. Er wollte nur seinem Gott und dessen Kalifen dienen. Allah ta‘ala zeigte mir diese andere Welt, aber meine Eitelkeit war sehr groß. Ich verfolgte weiter die weltlichen Ziele, die ich mir gesetzt hatte.

2015 gab mir Allah dann eine zweite Chance und zeigte mir diese andere Welt nun intensiver, in dem er mir über Herrn Wajahat Waraich aus Hannover die Möglichkeit gab, mit Humanity First erstmalig nach Benin zu reisen. Unter der Leitung von Herrn Tariq Arif, dem Vice-Chairman von Humanity First Deutschland, gab mir Allah erneut die Chance, von meinen Eitelkeiten und meinem Stolz abzulassen. Abermals obsiegte meine Sturheit. Tief im Inneren aber war mein Weltbild ins Wanken geraten.

2016 gab mir Allah schließlich eine dritte Chance. Ich erhielt die Möglichkeit mit Herrn Nadir Sindhu und Herrn Asem Bilal Arif nach Griechenland zu reisen. Ich lernte nun erstmals zwei Brüder näher kennen, die bereits seit frühester Kindheit gelernt hatten, von Eitelkeiten und von Stolz abzulassen und ihr Leben ganz dem Dienst an Gott und dem Dienst an der Menschheit zu widmen. Ich hatte mir bis dahin eingeredet, mit all den weltlichen Zielen, die ich mir gesetzt hatte, sei ich auf einem überdurchschnittlichen Weg. Als ich diese zwei Brüder kennenlernte, wurde mir bewusst, wie durchschnittlich ich war. Mir wurde klar, dass in Wirklichkeit jene, die das Glück gehabt hatten, von ihren Eltern in das System des Waqf-e-Nau und somit dem Kalifen der Zeit gegeben worden zu sein, wahrhaftig überdurchschnittlich waren. Eine echte Elite unserer Gesellschaft.

Im Februar 2017 schließlich sollte das gesamte Kartenhaus, das ich mir über Jahre mit eitlen Gedanken aufgebaut hatte, vollständig zum Einsturz kommen. Allah erlaubte mir, erstmalig mit Herrn Athar Zubair und seinem Team nach Benin zu reisen. Für die anderen war es ein Medical Camp. Für mich sollte diese Reise ein spirituelles Camp werden. Durch Herrn Zubair verstand ich, dass ein Dienst an der Schöpfung ohne wahrhaftige Liebe zum Schöpfer immer mit Eitelkeit verbunden sein wird. Auf dieser Reise entschloss ich endgültig, mein Leben dem Dienst an der Menschheit zu widmen. Ab da war ich bereit, meine selbst gesteckten weltlichen Ziele aufzugeben.

Versteht mich bitte nicht falsch, Karriere machen zu wollen und weltlichen Erfolg haben zu wollen, ist nicht zwangsläufig mit Eitelkeit verbunden. Schließlich gab es auch in der Jamaat sehr demütige Menschen, die auf ihrem Gebiet Exzellenz erreicht haben, wie zum Beispiel Prof. Abdus Salam oder Sir Zafrullah Khan (Möge Allah zufrieden mit ihm sein). Und auch heute noch sind Prof. Nuri oder PD Dr. Obaida Rana lebende Beispiele für außerordentlich erfolgreiche und zugleich demütige Ahmadis.

Es ist bemerkenswert, solange ich aus Eitelkeit heraus versucht habe, Karriere zu machen, habe ich nicht sehr viel geschafft. Ja, ich war Arzt. Mehr aber auch nicht. 2017 war ich bereits 10 Jahre mit meiner Dr.-Arbeit beschäftigt und schaffte es nicht, diese abzuschließen. Ich war in meiner Facharztweiterbildung im 6. Ausbildungsjahr und weit weg davon, die notwendigen operativen Fähigkeiten zu erlangen, um Facharzt zu werden. Trotz erheblicher Mühen schaffte ich es außerdem nicht, meine Schulden aus dem Studium zeitnah abzubauen. Aber als die Karriere nicht mehr im Vordergrund stand, war es so, als ob Allah das „Ruder“ übernommen hätte. 2018 schloss ich meine totgeglaubte Dr.-Arbeit mit Magna cum laude ab, 2019 konnte ich meine gesamten Schulden aus dem Studium abbauen, was ich die 7 Jahre zuvor nicht geschafft hatte, und kürzlich hat Allah mir sogar zum Facharzttitel verholfen.

Nach 2017 erhielt ich von Allah außerdem regelmäßig die Gelegenheit, meine Dienste zeitweise Humanity First Deutschland zur Verfügung zu stellen. Ich lebte fortan nach dem Grundsatz, den der zweite Kalif, seine Heiligkeit Mirza Bashiruddin Mahmood Ahmad (RA) formuliert hatte:

„Wer einen Unterschied sieht zwischen dem Bai‘at und dem Waqf, hat weder das Bai‘at noch das Waqf wirklich verstanden.“

Im Januar 2019, nach zwei Wochen des Istikhara-Gebetes, beschlossen meine Frau, die mir bei all den Entscheidungen stets eine Stütze war, und ich schließlich offiziell, uns auf Lebzeiten Humanity First zu verpflichten und somit dem Kalifen der Zeit zu überantworten. Den Entschluss hierzu hatten wir schon lange gefasst, doch in einer schicksalhaften Nacht war es Herr Wajahat Waraich, Global Health Director von Humanity First Deutschland, der den letzten Impuls gab und mich fragte, wann ich denn nun für das Waqf zur Verfügung stände. Am 02. Mai 2019 nahm unser geliebter Imam unser Waqf e-Zindagi offiziell an. Am Juli 2019, am Donnerstag vor der Jalsa Salana Deutschland, erkannte Hudhur-e-Aqdas(aba) mich auch persönlich als Waqf, ohne, dass ich ihm persönlich vorgestellt worden wäre. Derzeit warten wir auf die Fertigstellung des Krankenhauses auf São Tomé, bevor wir Insha’Allah vollständig unserem Heimatland den Rücken kehren.

Auf meinem bislang 13-jährigen Weg zum Waqf-e-Zindagi waren viele Menschen beteiligt. Menschen, in denen ich wahre Freunde und Brüder im Glauben gefunden habe. Meine eigene Leistung dabei war eher bescheiden. Aber ich glaube, es waren am meisten die Gebete meiner Eltern und die Gebete meines Kalifen (möge Allah sein Helfer sein), die bewirkt haben, dass die notwendigen Umstände entstanden sind. Und es war die Gnade und Barmherzigkeit Allahs, denn ohne Seine Hilfe wäre ich nicht auf diesem Weg gekommen. Und der Weg ist noch nicht vorbei. Der schwierigste Teil kommt jetzt. Aber ich bin sicher, dass Allah es auch weiterhin zur „Chefsache“ machen wird. Dafür sind aber freilich noch viele Gebete notwendig, an denen sich jeder gerne beteiligen darf.

Möge Allah uns allen ermöglichen, unserem Kalifen absoluten und uneingeschränkten Gehorsam zu leisten, zu Bewahrern des Khilafats zu werden und so das Wohlgefallen Allahs zu erlangen. Möge Allah mich und meine Familie vor den negativen Folgen dieses Textes und den Einflüsterungen Satans bewahren und möge diese meine Geschichte für Sie von Vorteil sein. Amin.